Der Betrieb Wattendrup-Nordhoff mit Standorten in Münster und Greven-Gimbte bewirtschaftet heute 2.000 Mastplätze in Haltungsstufe 2, 180 Hektar Ackerfläche und 25 Hektar extensiviertes Grünland im Vertragsnaturschutz. Ein Pachtbetrieb wurde abgegeben, dafür rücken neue Standbeine in den Fokus: Die Genehmigungsphase für Haltungsstufe 3 und 4 läuft, eine Agri-PV-Anlage ist genehmigt. Und in einem alten Schweinestall am Hof entstehen gerade drei neue Wohneinheiten zur dauerhaften Vermietung. Vielfalt ist für Heike Betriebsstrategie.
Ein Weg, der nicht vorgezeichnet war
Heike wuchs auf einem Hof auf, der seit Generationen von ihrer Familie bewirtschaftet wird. Die Hofnachfolge war aber erstmal für ihren großen Bruder vorgesehen. Heike machte 1998 Abitur, absolvierte eine landwirtschaftliche Ausbildung in Osnabrück und auf Rügen, studierte Landwirtschaft und schloss als Diplom-Agraringenieurin ab. Ein halbes Jahr Entwicklungshilfe und Wildtierforschung in Südafrika folgte, dann ein Master of Business Administration in Weihenstephan.
Nach dem Studium ging Heike zur Landwirtschaftskammer im Kreis Borken, drei Jahre Unternehmensberatung. „Es war gar nicht klar, dass ich den Betrieb übernehmen würde." Erst als ihr Bruder sagte, er wolle es nicht machen, öffnete sich die Tür. Heike war zu dem Zeitpunkt bereits mit ihrem heutigen Mann zusammen, der ebenfalls einen landwirtschaftlichen Betrieb führte. Gemeinsam entschieden sie, beide Höfe zusammenzuführen. Die Aufgabenbereiche wurden klar aufgeteilt: Heike übernahm die Schweine und das Büro, ihr Mann Außenwirtschaft und Ackerbau.
„Rückblickend betrachtet hätte ich in manchen Sachen mutiger sein können", sagt sie heute. „Ich hatte viele Ideen, war aber vielleicht auch einfach zurückhaltender."
Wenn das Leben die Geschichten schreibt
In der Zwischenzeit bekam Heike zwei Kinder, heute 12 und 14 Jahre alt. „Das ist natürlich immer eine sehr herausfordernde Zeit für eine Frau auf einem landwirtschaftlichen Betrieb", sagt sie. „Ich habe das Glück, dass es für meinen Mann selbstverständlich ist, dass wir uns die Care-Arbeit wirklich teilen. Aber letztendlich: Das Kinderkriegen bleibt bei uns Frauen."
Dann kam 2017 der Einschnitt. Heikes Mann erkrankte schwer an Krebs. Zwei Jahre war er aus dem Betrieb raus, zeitweise in Palliativbehandlung. Plötzlich trug Heike die Verantwortung für alles allein: Betrieb, Familie, Mitarbeiter. „Dass ich es durch diese schwere Zeit so geschafft habe, mit der Unterstützung von Freunden und Familie, dass wir diese Stabilität halten konnten, dass wir weiterhin unser Einkommen hatten, aber auch persönlich und familiär – darauf bin ich stolz", sagt sie heute. Ende 2019 kam eine OP, die den Durchbruch brachte: Ihr Mann hat die Krankheit überwunden, ist heute Rentner. Soweit es geht, ist er noch im Betrieb dabei, aber mit Einschränkungen.

Heike nimmt sich inzwischen bewusst Zeit für sich. Mehrmals in der Woche geht sie auf dem Betrieb einer Freundin reiten. Nach der Erkrankung ihres Mannes hat sie damit wieder intensiv angefangen und gemerkt, wie gut ihr dieser Ausgleich für Körper und Geist tut. „Man muss sich Zeit nehmen und den Kopf frei kriegen. Sonst wird man zum Hamster im Laufrad“, sagt sie. Das Reiten hilft ihr, Abstand zu gewinnen und neue Kraft für den Alltag auf dem Hof zu schöpfen.
Heute ist Heike hauptverantwortlich für den Hof. Und sie blickt mit Realismus, aber auch mit Mut nach vorne. Der Klimawandel macht ihr Sorgen. „Das ist ein Trauerspiel auf den Feldern", sagt sie. „Aber wir stellen uns darauf ein." Mit einer breiten Fruchtfolge, mit Experimenten im Sojaanbau, mit Diversifizierung.
Warum sich die Gesellschaft anpassen sollte
Heike ist überzeugt: Frauen bringen etwas Eigenes in die Landwirtschaft ein. „Viele Frauen sind sehr offen, haben tolle Ideen, denken breiter", sagt sie. „Und viele sehen den finanziellen Gewinn eines Betriebs nicht als einzigen Erfolgsmaßstab. Es geht auch um nachhaltige Entwicklung, um die persönliche Zufriedenheit und darum, dass es den Mitarbeitern gut geht. Das ist eine Sichtweise, die in Zukunft immer wichtiger wird."
Was sie in ihrer Ausbildung auf Rügen erlebt hat, hat sie geprägt. „Da war es viel selbstverständlicher, dass Frauen in der Landwirtschaft sind, dass sie Führungspositionen haben, dass Kinder in der Kita betreut wurden. Ein Überbleibsel aus der gesellschaftlichen Struktur der DDR." Und sie findet es schade, dass die alten Bundesländer das nicht mitgenommen haben. „Rückblickend war es bei mir noch so, dass wir Frauen uns anpassen mussten. Heute denke ich: Warum kann die Gesellschaft sich nicht auf uns und unsere Ideen einlassen?"

Das fängt bei Kleinigkeiten an: Besprechungen, die bis 13 Uhr gehen und nicht bis 19 Uhr. „Wer kleine Kinder hat, weiß, was um 19 Uhr los ist." Und es geht weiter bei strukturellen Fragen: Die Junglandwirteförderung, die Frauen den Einstieg erleichtern soll, endet mit 40 Jahren, unabhängig davon, ob in dieser Zeit Kinder geboren wurden. „Wenn ich zwei, drei Kinder kriege, habe ich erst mal drei, vier Jahre, wo ich ganz anders eingebunden bin und nicht den Kopf für die nächste Betriebsentwicklung habe", sagt Heike.
Auch nach der Geburt gibt es nur wenige Wochen Unterstützung durch eine Betriebshelferin, eine Vertretungskraft, die vorübergehend die Arbeit im Betrieb übernimmt. „Aber körperlich kann ich ja noch gar nicht schwer heben. Das rächt sich irgendwann mit 45."
Heike engagiert sich als Beisitzerin im Vorstand des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Münster, im Ausschuss für Umweltschutz, Klimaschutz und Bauwesen, und im Aufsichtsrat der Westfleisch. „Gerade in Münster, der kleinen grünen Bubble im schwarzen NRW, ist es wichtig, dass wir eine starke Stimme aus der Landwirtschaft haben." Und sie ist bei den Agrarunternehmerinnen aktiv. „Es ist wichtig, dass wir Frauen uns verknüpfen, uns austauschen."
Zudem sieht sie einen großen Wert in Öffentlichkeitsarbeit. WDR-Reportagen, Kinospots, Kampagnen – Heike ist sichtbar. „Wenn wir alle bei Medienanfragen abblocken, erzählt jemand anders unsere Geschichte. Und das wollen wir nicht." Dieses Jahr, das UN-Jahr der Landwirtinnen, sei besonders. „Es ist super, dass viele Frauen sichtbar werden. Das bestärkt andere."
Glaubt an euch – und holt euch Unterstützung
Heikes Sohn hat Interesse an der Landwirtschaft, ihre Tochter bisher nicht. „Das ist absolut in Ordnung." Auf die Frage, was sie ihren Kindern mitgeben würde, antwortet sie: „Auf sich vertrauen. Den Mut haben, eigene Wege zu gehen. Dabei an sich glauben. Und achtsam mit sich selbst sein."

Denn bei vielen Frauen sieht sie: Sie machen Führungsposition oder Full-Time-Jobs und „nebenbei“ die kompletten Aufgaben rund um die Familie. „Das kann es nicht sein. Das macht viele auf Dauer kaputt. In jeder Partnerschaft sollte Gleichberechtigung selbstverständlich sein. Sich Hilfe zu holen und zulassen, UnterstützerInnen zu gewinnen erleichtert vieles.
Ihre Botschaft an andere Frauen in der Landwirtschaft ist klar: „Glaubt an euch und eure Ideen. Nicht ihr müsst euch anpassen, sondern die Gesellschaft muss sich auf unsere Bedürfnisse und Ideen einlassen. Schafft euch Netzwerke und Unterstützerinnen und Unterstützer. Und seid achtsam mit euch selbst."
An diesem Augusttag wird Heike Wattendrup-Nordhoff nach unserem Gespräch und der Büroarbeit schauen, wie es ihren Schweinen bei der Hitze geht, wird Pläne schmieden für Haltungsstufe 4, für die Agri-PV, für die Wohnungen. So sieht bei ihr Landwirtschaft aus: Vielfalt als Strategie und der feste Glaube daran, dass dieser Beruf Zukunft hat, gerade für Frauen.
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